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Vor einigen Tagen habe ich mir mit großem Interesse eine Dokumentation mit dem Titel „Künstliche Intelligenz als Therapeut“ angeschaut, und die hat mich sehr zwiegespalten zurückgelassen.
Eingeleitet wurde die Doku mit dem Hinweis, dass psychische Erkrankungen wie Depressionen und BurnOut in der Gesellschaft massiv zunehmen würden und wir schlicht gesagt nicht genug Therapeuten haben, um das abzudecken, und hier solle die KI ansetzen.
So weit, so richtig, aber die erste Frage, die bei mir dazu aufgetaucht ist, war: „Ist es der richtige Lösungsansatz, die Anzahl der Therapeuten zu erhöhen, anstatt herauszufinden, warum das so ist, und mittelfristig die Zahl der Erkrankungen wieder zu senken?“.
Mein zweiter Gedanke dazu war (zugegeben: nicht ganz uneigennützig 😉), dass es sinnvoll wäre, endlich ganz deutlich zwischen Therapie (psychisch krank) und Beratung (psychisch gesund) zu unterscheiden.
Derzeit ist es so, dass viele Therapeuten mit „Patienten“ arbeiten, die zwar in einer schwierigen Lebenssituation sind, belastende Erlebnisse oder ihre Paarbeziehung aufarbeiten wollen, aber definitiv psychisch gesund sind. So werden dringend benötigte Therapieplätze „besetzt“, auf die tatsächlich Erkrankte dann oft monatelang warten.
Weiter ging es dann mit zwei Beispielen, auf die ich näher eingehen möchte:
Eine Frau erzählte, dass sie schon so vielen schlechten Menschen begegnet wäre, dass sie keinem mehr vertrauen würde, und so wäre ein künstlicher Therapeut für sie die richtige Lösung.
Eine weitere berichtete, der Vorteil eines KI-Therapeuten wäre für sie, dass dieser immer für sie verfügbar sei und auch gelernt habe, sich auf sie einzustellen und sie in allem zu bestärken und zu bestätigen.
Hm. Da bekomme ich tatsächlich Bauchweh.
Ich kann jetzt natürlich nur als Psychosoziale Beraterin sprechen, aber meine oberste Priorität ist es, Menschen dabei zu unterstützen, schwierige Situationen selbst meistern zu lernen. Konflikte austragen zu können ohne darin unterzugehen. Krisenzeiten und Frustration ein Stückweit auch auszuhalten. Stärke daraus zu beziehen und resilienter zu werden.
Das, was in der Doku beschrieben wird, ist für mich ein Ausweichen aus der tatsächlichen Situation und Realität. Um mich nicht mit echten Menschen, Therapeuten, Krisen auseinandersetzen zu müssen, weiche ich aus zur künstlichen Intelligenz, die mich mit genau diesen wichtigen Punkten nicht in Berührung bringt.
Manchmal braucht es einen Menschen, der negative Gefühle auslöst, der genau die Punkte berührt, die schmerzen, und der aufzeigt, dass Konflikte nicht nur unangenehm, sondern auch heilsam sein können. Und der dabei unterstützt, langsam wieder ausgewählten Menschen zu vertrauen anstatt sie von ihnen fernzuhalten.
Zu guter Letzt hat einer der interviewten Patienten gesagt: „Ich glaube, dass wir ein menschliches Gegenüber brauchen, um Wahrheit auszusprechen. Eine menschliche Reaktion. Und der menschliche Kontakt, die Wärme, die Augen ausstrahlen können, die Wärme einer Stimme, die mit uns spricht und für uns da ist, nichts kann das Gespräch mit Menschen ersetzen.
Solange die KI das nicht kann, weiß ich, dass weder ich noch mein Beruf ersetzt werden können 😉

